29.09.2026
Symbolbild: Die Analyse betrieblicher Arbeitsabläufe bildet eine Grundlage für die inklusive Gestaltung von Arbeit. © Montri / stock.adobe.com
Studierende des Bachelorjahrgangs 2023 haben sich im fünften und sechsten Semester im Rahmen eines Forschungsmoduls mit den Möglichkeiten inklusiver Arbeitsgestaltung im betrieblichen Kontext beschäftigt. Im Rahmen einer Kooperation der Hochschule der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (HGU) mit dem Centre of Expertise for Inclusive Organisations (CIAO) der Universität Maastricht (Niederlande) führten sie eine Felderhebung in einem mittelständischen Metallunternehmen in Bad Hersfeld durch. Das Modul fand unter Leitung von Prof. Dr. Bert Wagener und Dr. Friedrich Mehrhoff statt.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das von CIAO entwickelte Konzept des Inclusive Work Redesign (IWR) in dem mittelständischen Unternehmen in Bad Hersfeld umgesetzt werden kann, um sowohl dem bestehenden Fachkräftemangel zu begegnen als auch die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Da dieses Vorgehen bei „CIAO“ in den Niederlanden entwickelt wurde, war Drs. Henny Mulders von der Universität Maastricht eng in das Projekt eingebunden. Teile der Zusammenarbeit fanden in englischer Sprache statt.
Die Aufgabenstellung sah die Durchführung einer Organisationsanalyse in Kurzfassung (Quickscan) und eine abschließende Präsentation der Ergebnisse vor der Geschäftsführung vor.
Herausforderungen des Unternehmens
Die Analyse zeigt zunächst, dass globale Trends auch in Bad Hersfeld angekommen sind und dass das Unternehmen mit mehreren Herausforderungen konfrontiert ist. Dazu zählen insbesondere der hohe Altersdurchschnitt der Belegschaft, bevorstehende Renteneintritte, der damit verbundene Verlust von Erfahrungs- und Fachwissen sowie Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Personal in Verwaltung und Produktion. Damit liegen Voraussetzungen vor, unter denen eine Neugestaltung und Neuverteilung von Arbeitsaufgaben grundsätzlich einen Mehrwert schaffen kann.
Die Ergebnisse der Betriebsbegehung und der Interviews verdeutlichen, dass die Arbeitsorganisation des Unternehmens spezifischen Anforderungen unterliegt. Es ist kein Betrieb mit einer weitgehend standardisierten Serienfertigung. Viele Produkte werden kunden- und projektspezifisch hergestellt und erfordern ein hohes Maß an Fachwissen, handwerklichen Fähigkeiten und teilweise körperlicher Belastbarkeit. Insbesondere in der Montage, Stanzerei, Dreherei und Fräserei gibt es Tätigkeiten, bei denen technisches Verständnis, funktionierende Grob- und Feinmotorik sowie allgemein ausreichende körperliche Belastbarkeit eine wichtige Rolle spielen. Zudem sind die Arbeitsbedingungen in Teilen der Produktion durch eine hohe Lautstärke geprägt. Dadurch können sich für bestimmte Personengruppen Einschränkungen bei der Einsatzmöglichkeit ergeben.
Potenziale für IWR
Es zeigt sich, dass eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Tätigkeiten mit Bezug auf das IWR erforderlich ist. Besonders geeignet erscheinen hierfür Tätigkeiten mit klaren Abläufen, einem begrenzten Aufgabenbereich oder geringerem Qualifikationsbedarf, die gegebenenfalls neu gebündelt werden können. Auch qualifiziertere Tätigkeiten sind grundsätzlich denkbar, sofern die erforderlichen Kompetenzen vorhanden sind oder beispielsweise durch eine entsprechende Qualifizierung, etwa innerhalb des Unternehmens, erworben werden können.
Ein wesentlicher Vorteil des Unternehmens ist seine überschaubare Größe und die offene, pragmatische Unternehmenskultur. Bereits in der Vergangenheit wurden individuelle Lösungen für Beschäftigte mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen gefunden. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass solche Lösungen bislang überwiegend einzelfallbezogen und nicht systematisch erfolgt. Ein Inclusive-Work-Redesign-Prozess könnte daher dazu beitragen, diesen Aspekt stärker in der betrieblichen Strategie zu verankern.
Weitere Analyse der Arbeitsprozesse
Für die konkrete Umsetzung des IWR ist zunächst eine detaillierte Analyse der bestehenden Arbeitsprozesse erforderlich. Dabei sollten die einzelnen Tätigkeiten hinsichtlich ihrer Häufigkeit, Dauer, körperlichen und kognitiven Anforderungen, erforderlichen Qualifikationen und ihrer Übertragbarkeit untersucht werden. Auf dieser Grundlage könnten Aufgaben neu verteilt oder zu angepassten Tätigkeitsprofilen gebündelt werden. Die Beschäftigten und Führungskräfte sollten in diesen Prozess einbezogen werden, da sie über umfangreiches praktisches Wissen zu den tatsächlichen Arbeitsabläufen verfügen. Dadurch könnten realistische Redesign-Möglichkeiten entwickelt werden.
Die gewonnenen Erkenntnisse sollen an der HGU in die weitere Lehre und Forschung zur inklusiven Arbeitsgestaltung einfließen. Zugleich sollen die Zusammenarbeit mit Praxispartnern und der fachliche Austausch mit CIAO zu diesem Thema fortgeführt werden.
Autor: Prof. Dr. Bert Wagener
Hochschule der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (HGU)
Aline Giebel, Referentin für Querschnittsaufgaben
Seilerweg 54
36251 Bad Hersfeld
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